25jähriges Jubiläum 1982

Zeilen zum Nachdenken . . .

von Renate Custodis, 1960 OIF

Nach zehnjähriger Dienstzeit im Kreis Bergheim/Erft ließ ich mich aus persönlichen Gründen - und um flexibel zu bleiben - nach Köln Stadt versetzen. Ich hatte das Glück, einen völlig neuen Bereich kennenzulernen, in dem meine pädagogischen Fähigkeiten täglich auf die Probe gestellt wurden und heute noch werden.

„Meine" GGS (Gemeinschaftsgrundschule) ist eine 33klassige Grundschule. Zum Einzugsbereich dieser Schule, die im Norden Kölns am Rande einer ständig wachsenden Trabantenstadt liegt, gehören vorwiegend Sozialwohnungen. Wenn ich im folgenden Einzelheiten schildere, werden sicherlich alle Leser verstehen, dass ich nicht zu den Pädagogen gehöre, die Dienst nach Vorschrift praktizieren: „Meine" Schule beherbergt z. Z. 818 Schüler, m. E. eine sehr beachtliche Anzahl für eine Grundschule! Die Vielzahl der Schüler wäre im Hinblick auf pädagogisches Tun sicherlich kein so großes Problem, wäre der Anteil der ausländischen Schüler geringer. Die Angaben der letzten Statistik (Stand vom 14. 9. 1981) regen sicher manchen zum Nachdenken an . . .

Deutsche Ausländer Aussiedler Gesamt

383 375 60 818

Bei der Interpretation dieser Zahlen ist erwähnenswert, dass Aussiedler-Kinder trotz der vorhandenen Sprachschwierigkeiten zu den deutschen Schülern gezählt werden. Folglich haben die Kollegen und ich keinen Grund zur Beschwerde oder zum Stöhnen, denn der Anteil der ausländischen Schüler an unserer Schule liegt „weit unter" 50%. Nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass die 375 ausländischen Schüler aufgeschlüsselt 26 verschiedene Nationalitäten aufweisen: Türken, Italiener, Jugoslawen, Laoten, Marokkaner ... um nur einige zu nennen.

Meine relativ lange Diensterfahrung (17 Jahre) und mein pädagogisches Fingerspitzengefühl, auf das ich häufig so stolz war, reichen leider nicht immer aus, um allen Schülern während des grauen Schulalltags gerecht zu werden. Somit muss ich in meiner - ach so großen - Freizeit zusätzliche Aktivitäten entwickeln. Elterngespräche, Hausbesuche, Kontaktaufnahme zu Kindertagesstätten, Zusammenarbeit mit der EB (Erziehungsberatung) und dem schulpsychologischen Dienst usw. sind selbstverständliche bzw. unerlässliche Pflichten eines verantwortungsvollen Pädagogen an ,,unserer" Schule. Die Kontakte kann ich natürlich nur außerhalb meiner offiziellen Dienstzeit pflegen, denn nebenher muss ich auch noch unterrichten. Letzteres ist wegen der vielen Nationalitäten und des damit verbundenen internationalen Sprachgewirrs ein wahres Kunststück. Wie würden Sie z. B. einen erfolgreichen Literaturunterricht praktizieren, wenn Ihnen Schüler gegenübersitzen, die tatsächlich kein deutsches Wort verstehen bzw. beherrschen z. B. Japaner, Koreaner, Ägypter usw.

Mimik, Gestik, musisches Tun, Verständigungsversuche in. Englisch oder Französisch oder Türkisch, differenzierte (selbst angefertigte!) Arbeitsblätter und zusätzliche Förderstunden sind nur einige meiner pädagogischen „Hilfsmittel", auf die ich täglich zurückgreifen muss. Und wie werde ich den deutschen Schülern gerecht?? Mit dieser Frage möchte ich meine „Zeilen zum Nachdenken" abschließen.

P.S.: Ich möchte betonen, dass ich meine Tätigkeit an dieser problemgeladenen Schule nicht aufgeben möchte. Die Vielfältigkeit der pädagogischen Aufgaben erfordert täglich viel Kraft und Zeit, dennoch bereitet mir der zu bewältigende Aufgabenbereich viel Freude!

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