25jähriges Jubiläum 1982

25 Jahre Lise-Meitner-Gymnasium

25 Jahre Schulgeschichte

Frühjahr 1957

von H. Krawinkel (Schulleiterin)

Die Luisenschule an der Kasernenstraße/Bastionstraße, die damals größte Düsseldorfer Mädchenschule mit einem altsprachlichen, neusprachlichen, mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig und der Frauenoberschule war auf über 1200 Schülerinnen angewachsen, und nach langen Verhandlungen war die Entscheidung gefallen: Die Schule sollte mit dem Beginn des neuen Schuljahres im April 1957 geteilt werden. Und so kann man in der Chronik der Schule lesen: „Die Teilung der Luisenschule in die Luisenschule I mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig und der Frauenoberschule und die Luisenschule II mit den altsprachlichen und neusprachlichen Zweigen wurde in den Osterferien durchgeführt. Der Schulanfang (25. April 1957) musste wegen der notwendigen baulichen Veränderungen auf den 29. April 1957 verlegt werden."

Die Teilung schien sehr einfach zu sein. Beide Schulen hatten wieder eine überschaubare Lehrer- und Schülerzahl. Die Teilung war zudem so vollzogen worden, dass beide Schulen einen verschiedenen Schwerpunkt hatten und sich so voneinander unterscheiden sollten. Außerdem hatte man der Luisenschule I und der Luisenschule II verschiedene Gebäudeteile zugedacht und dadurch im gemeinsamen Gebäude eine räumliche Trennung herbeigeführt. Der Fortbestand der beiden Teilschulen schien mit diesen einfachen Mitteln gesichert zu sein.

Aber man hatte wohl bei der Kombination des mathematischnaturwissenschaftlichen Gymnasiums mit der Frauenoberschule in der Luisenschule I - und nur von dieser soll hier weiter berichtet werden - zweierlei nicht bedacht. Erstens war es 1957 noch nicht so selbstverständlich wie später, dass Mädchen ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium besuchten, auch dann nicht, wenn die Spezialisierung erst in Klasse 9, später in Klasse 7 begann. Mädchen wurden in der Regel zunächst einmal an einem sprachlichen Gymnasium angemeldet, und einen Schulwechsel nach Klasse 8, später nach Klasse 6, vollzogen nicht, viele. Nicht bedacht hatte man wohl zweitens, dass die Frauenoberschule, mit derem Abschlußzeugnis damals noch keine Berechtigung zum Studium erworben wurde, auch nur für einen kleineren Teil von Schülerinnen interessant war.

Und so stand die Luisenschule I nicht nur vor der Aufgabe, aus den beiden Zweigen wieder eine Schule zu werden, sondern auch vor der großen Aufgabe, die Vorurteile gegen die naturwissenschaftliche Ausbildung für Mädchen und gegen die Frauenoberschule abzubauen.

Das Kollegium stellte sich bereitwillig dieser neuen Aufgabe, und wenn auch die Schülerzahl in den ersten Jahren von anfänglich 558 auf 412 zurückging, so zeigte sich auf Dauer doch der Erfolg.

Unter der Leitung der beiden Oberstudiendirektorinnen, Frau Toni Stoltenhoff und Frau Hanna Schmidt, entwickelte sich bald eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Kollegen, zwischen Lehrern und Schülerinnen und der Elternschaft. Die Schülerschaft war ihrer sozialen Struktur nach gut gemischt und - wie auch in den meisten anderen Schulen - in dieser ersten Zeit noch stark auf die Schule bezogen. Man kannte sich, gleich ob man Sextaner oder Oberprimaner war. Der enge Raum, der einerseits die Arbeit sehr erschwerte, trug andererseits zum Zusammenhalt entscheidend bei. Um z. B. Kunst zu betreiben, musste man sich in enge verwinkelte Kellerräume begeben, wo unter fragwürdigen baulichen Verhältnissen u. a. auch mit dem Brennofen gearbeitet wurde. Die naturwissenschaftlichen Räume, bestehend aus einem Physikraum und einem Chemieraum mussten mit der Luisenschule II geteilt werden, ein Zustand, den man sich wohl heute kaum noch vorstellen kann und der natürlich auch zu Reibereien zwischen den beiden Schulen führen musste. Als Pausenhof diente den Schülerinnen der Luisenschule I der steinige nicht allzugroße Dachgarten.

Im ganzen verlief der Schulalltag bis zum Ende der sechziger Jahre weniger hektisch als heute. Die Schuljahre waren bis auf die beiden Kurzschuljahre, mit denen der Schuljahresanfang von Ostern auf den Sommer verlegt wurde, wegen der immer im gleichen Zeitraum liegenden Sommerferien gleich lang, und so fand sich Platz für zahlreiche Klassenfahrten, Studienfahrten, Wandertage und Schulfeste. In der Chronik der Schule kann man von besonders gelungenen Schulfesten der SMV lesen. 1958 ist vom „Schulfest der Luisenschule I an den Krickebecker Seen" die Rede. „Das Fest wurde von der SMV vorbereitet und durchgeführt. Omnibusse brachten die Schülerinnen aller Klassen in die Nähe des Ausflugszieles am De-Witt-See, das auf verschiedenen Wanderwegen erreicht wurde. Der Nachmittag bot ein abwechslungsreiches Programm mit sportlichen Wettkämpfen, musikalischen Darbietungen und kleinen Aufführungen". Ähnliche Veranstaltungen gab es 1960 an der Solinger Talsperre und 1965 in Wuppertal. Auch von zwei Karnevalsfesten in den „engen Räumen" der Schule, auf denen Schüler und Lehrer z. T. so gut kostümiert waren, dass alle Mühe hatten, die Masken zu durchschauen, ist die Rede.

Einen festen Raum im Ablauf des Schuljahres nahm in jedem Jahr der Musikabend ein, und von vielen Elternabenden mit kleinen Theateraufführungen kann man lesen. Ein besonderes Ereignis war die Festwoche anläßlich des 125jährigen Bestehens der Luisenschule im Jahre 1962, die von beiden Schulen noch einmal gemeinsam gefeiert wurde.

Ein eigenes Gepräge hatte in den ersten Jahren des Bestehens der Luisenschule I die Frauenoberschule. Ihr Schwerpunkt lag neben den naturwissenschaftlichen Fächern im hauswirtschaftlichen und sozialen Bereich. Während der Oberstufe wurden drei Praktiken von drei Wochen Dauer durchgeführt, und zwar im Kindergarten, in einem Säuglingsheim und schließlich in einem Betrieb. Die Vor- und Nachbereitung dieser Zeit, die für viele Schüler die erste Berührung mit der Arbeitswelt brachte, geschah im Pädagogikunterricht. Nicht wenige Schülerinnen haben aufgrund der Praktikumserfahrung später ihren Beruf gewählt. Bei der Abschlußprüfung (Abitur) wurde u. a. eine Prüfung in Hauswirtschaft und Kochen abgelegt, bei der sich die Prüfungskommission an den festüch gedeckten Tischen und den hergestellten Speisen erfreuen konnte. Wie nüchtern verläuft dagegen heute unsere Abiturprüfung! Die Schulentwicklung in den sechziger Jahren Heß jedoch hierfür keinen Platz mehr.

Und so ist es an dieser Stelle notwendig, auf die Veränderungen einzugehen, die sich aufgrund der allgemeinen Veränderungen im Schulwesen auch für die Luisenschule I ergaben. Es sind „äußere Veränderungen" - Schülerzahlen, Schülerzusammensetzung, Ortsveränderung - und „innere Veränderungen", die das mathematische Gymnasium in den siebziger Jahren, die Frauenoberschule bereits in den sechziger Jahren, erfuhren.

Zu den „äußeren Veränderungen" gehörte die ab 1965 ständig wachsende Schülerzahl, von 412 Schülern im Jahre 1964 auf 795 im Jahre 1979. Zu ihnen gehörte weiter, dass 1972 die Koedukation eingeführt wurde, dass 1970 der Umzug ins neue Haus an der Adlerstraße stattfand, wo endlich unter ausreichenden räumlichen Bedingungen gearbeitet werden konnte. Die „äußeren Veränderungen" zeichneten sich weiter dadurch aus, dass die Schule mit dem Einzug ins neue Haus auf Wunsch aller beteiligten Gruppen den Namen Lise-Meitner-Gymnasium erhielt. Weiter gehörte dazu, dass sich auch das Kollegium erheblich vergrößerte, wenn auch der Zuwachs in den Jahren 1972 bis 1978 wegen des Lehrermangels in keinem Verhältnis zur wachsenden Schülerzahl stand, und schließlich, dass der Chronist 1970 zur Schulleiterin ernannt wurde.

Parallel zu diesen „äußeren Veränderungen" vollzogen sich „innere Veränderungen". Die „Unruhe in der Schule" begann. Hatte es schon 1965 die erste einschneidende Veränderung durch die Abschaffung der Aufnahmeprüfung für die Sexta gegeben, wurde 1967 die Nachprüfung zur Nichtversetzung eingeführt und später auch auf die Nachprüfung zum nichtbestandenen Abitur ausgedehnt, so spiel-: ten sich die wesentlicheren Veränderungen in den einzelnen Schultypen ab.

Der Fächerkanon und die damit verbundene Stundentafel wurden fast jährlich modifiziert. Neue Fächer wie Sozialwissenschaft, Erziehungswissenschaft und PoHtik wurden eingeführt.

Schon früh setzten die Änderungen in der Frauenoberschule ein. Mußten in den fünfziger Jahren noch aUe Schülerinnen dieses Schulzweiges, die studieren woUten, eine Zusatzprüfung in Französisch oder Latein und in Mathematik ablegen, so wurde diese Prüfung zunächst auf ein Fach beschränkt und schüeßHch ganz gestrichen. 1960 konnte man mit dem Abschlußzeugnis bereits die Pädagogische Hochschule, die Kunsthochschule und die Musikhochschule besuchen. 1963 wurde die Schulform in das Gymnasium für Frauenbildung umgewandelt, mit dessem Abschlußzeugnis immer neue Berechtigungen erworben wurden, schließlich - 1971 - auch die Berechtigung zum Studium an einer wissenschaftHchen Hochschule im Lande Nordrhein-Westfalen. So sehr diese Erweiterungen der Berechtigung einerseits zu begrüßen waren, um so folgenreicher waren sie für die innere Struktur dieser Schulform. Um eine den anderen Gymnasialtypen vergleichbare Studienvorbereitung zu gewährleisten, wurde zunächst der Umfang der praktischen Fächer stark reduziert und stattdessen die zweite Fremdsprache für alle verbindlich gemacht. Später wurden der Pädagogikunterricht gekürzt und die Praktika abgeschafft. Stattdessen wurde der natur-wissenschaftHche oder der gesellschaftswissenschaftliche Bereich verstärkt. So blieb von der ursprünglichen Form nach und nach nichts mehr übrig, und als im Jahre 1971 die Aufhebung aller Gymnasialtypen mit der Reform der Mittelstufe eingeleitet wurde, verschwand auch die Frauenoberschule.

Auch das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium hat viele Veränderungen erfahren. Begann die Differenzierung ursprünglich in der 9. Klasse und waren anfangs bis zur Oberstufe noch drei Fremdsprachen für alle verbindlich, so wurden 1963 die Differenzierung in die 7. Klasse vorverlegt und der Pflichtkanon auf zwei Fremdsprachen eingeschränkt. Waren ursprünglich bis zum Abitur neben der Mathematik alle drei Naturwissenschaften verpflichtend, so waren es später nur noch Physik und wahlweise Biologie oder Chemie oder eine Kombination dieser Fächer. Schließlich wurde 1972 auch dieser Gymnasialtyp abgebaut.

Gleichzeitig mit der Enttypisierung der Mittelstufe wurde auch am Lise-Meitner-Gymnasium die Oberstufenreform vorbereitet. Es gab zunächst noch eine Vorstufe der Reform, die dann 1975 zum heutigen Modell der Oberstufe mit der Schwerpunktbildung in den beiden Leistungskursen führte, nach dem 1977 die erste Abiturprüfung abgelegt wurde.

Mit dem Beginn dieser Reform wagte die Schule einen weiteren Versuch, nämlich die Kooperation mit dem benachbarten Humboldt-Gymnasium. Diese Kooperation sollte den Schülern beider Schulen zunächst nur die Möglichkeit eröffnen, einen Leistungskurs wählen zu können, der an einer der beiden Schulen wegen zu geringer Zahl von Interessenten nicht Zustandekommen konnte. Aus diesem zaghaften Anfang entwickelte sich im Laufe der Jahre eine erfolgreiche Kooperation, die sich heute auf die Jahrgänge 11.2,12 und 13 erstreckt und die den Schülern beider Schulen ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten eröffnet. Dabei ist es aber stets das Ziel beider Schulen gewesen und geblieben, zwar miteinander zu arbeiten, aber die Eigenständigkeit der Schulen nicht aufzugeben.

Entscheidend verändert hat sich aber auch im Laufe der Jahre die Schülerschaft. War - wie schon berichtet - noch in den sechziger Jahren die Schule der Hauptinhalt für die Schüler, so hat sich das Interese der Schüler schon vor der Einführung der Oberstufenreform auf andere, außerschulische Bereiche verlagert. Nach den Zeiten des „Aufbegehrens" in den Jahren 1969 bis 1972 hat in den letzten Jahren bei unseren Schülern, wie auch in anderen Gruppen, die individuelle Gestaltung des Freizeitraumes große Bedeutung angenommen, und manche „Streßerscheinung" hat ihre Ursache vielleicht mehr dort als in der Überlastung durch die Schularbeit. Vielleicht muss man hierin auch die Ursache dafür suchen, dass die Bereitschaft und das Interesse zur Mitarbeit in der Schülervertretung bei den älteren Schülern abgenommen hat, obwohl die Rechte und die Möglichkeit zur Mitwirkung der Schüler in der Schule erweitert wurden.

Um der Entfremdung und der Entwurzelung aus der Schule entgegenzuwirken, hat das Kollegium des Lise-Meitner-Gymnasiums in der letzten Zeit neue Versuche unternommen. Zu ihnen gehört die Einführung eines Tutorensystems in der Oberstufe, d. h. die Büdung von Schülergruppen, die in der Freizeit mit dem von ihnen selbst gewählten Lehrer (Tutor) in unregelmäßigen Abständen zusammenkommen, um Gemeinsames zu unternehmen. Zu den Versuchen gehört auch die Büdung einer Theatergruppe und die Beibehaltung oder Neueinführung von Studienfahrten und Klassenfahrten. Auch die von der SV veranstalteten Schulfeste können dazu beitragen, Schüler wieder stärker an die Schule zu binden.

Hauptaufgabe ist und bleibt aber der Unterricht. Unterricht, der sich an den Anforderungen des Gymnasiums orientiert, Unterricht, der die Bereitschaft und Fähigkeit der Schüler verlangt, sich mit anderen zu verständigen und mit anderen zusammenzuarbeiten, Unterricht, der es dem Schüler möglich macht, seine eigenen Fähigkeiten zu erkennen und richtig einzuordnen und ihn die Spannung der unterschiedlichen Fähigkeiten ertragen läßt, Unterricht, der auch dann durchgestanden werden muss, wenn die Aufgaben schwerer sind und der Arbeitseinsatz größer werden muss.

Daß durch die immerwährenden Reformen und Veränderungen, durch den jahrelangen katastrophalen Lehrermangel und vor allem durch die wachsenden Verwaltungsarbeiten die Arbeitszeit der Kollegen ständig zugenommen hat und die Arbeitskraft oft über das Maß in Anspruch genommen wurde und noch wird, sollte hier nicht unerwähnt bleiben.

Es ist dem Lise-Meitner-Gymnasium, seinen Lehrern und Schülern zu wünschen, dass nach den Zeiten der Veränderungen eine Zeit der Beruhigung eintritt, in der durch die vielleicht in den nächsten Jahren zurückgehende Schülerzahl wieder Freiräume entstehen können und Kräfte zum Ausfüllen dieser Freiräume freigesetzt werden können. Dabei sollte die Bereitschaft erhalten bleiben, neue Aufgaben zu sehen und sich ihnen zu stellen.

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