25jähriges Jubiläum 1982

Philosophie - ein Schulfach

von A. Schlinkmann

Die reformierte Oberstufe des Gymnasiums ist ins Gerede gekommen: Hochschullehrer klagen ebenso wie Personalchefs in der freien Wirtschaft über eine zu geringe Allgemeinbildung der Abiturienten, zu frühe Spezialisierung und zu geringes „Basiswissen" selbst in den als Leistungskurs belegten Fächern. Zu diesen Klagen gesellt sich der Streit um Unterrichtsinhalte und -formen, ausgetragen vor allem in den Diskussionen über Rahmenrichtlinien und Curricula vieler Fächer in fast allen Bundesländern. Daraus lässt sich schließen: So manches Fach im Gymnasium, besonders in der Oberstufe, hat sich verändert - aus Gründen organisatorischer Reformen einerseits, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Weiterentwicklung andererseits. Was von den einen als Fortschritt verteidigt wird, attackieren die anderen als voreiliges Fallenlassen von Bewährtem, woraus dann die Notwendigkeit einer erneuten Veränderung, einer Reform der Reform gefolgert wird.

Aufgefordert, als Beitrag zu dieser Festschrift den Wandel des Faches Philosophie darzustellen, ist das Ergebnis meines Nachdenkens recht dürftig. Das Curriculum Philosophie ist nie so in den Streit der Parteien geraten wie etwa die Richtlinien für die Fächer Deutsch, Politik oder Sozialwissenschaft. Wenn ich den Philosophieunterricht, den ich als Schüler genossen habe, vergleiche mit dem, den ich als Student und Referendar in der noch nicht reformierten Oberstufe gegeben habe, beide schließlich mit dem, den ich jetzt in der reformierten Sekundarstufe II erteile, fallen mir keine gravierenden Unterschiede ein. Sicher - Philosophie wurde erst ab Unterprima unterrichtet, das Kurssystem war unbekannt, aber, um ein Beispiel zu nennen, auch mein Philosophielehrer hielt im Rahmen einer Unterrichtsreihe „Ethik" die Lektüre von Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" für angebracht, und unsere Klagen damals über verschachtelte Bandwurmsätze in diesem Text ähnelten denen meiner Schüler heute.

Hat sich in der Philosophie also nichts verändert, gibt es in dieser Wissenschaft keinen Fortschritt, der sich im Unterricht niederschlägt? Das nicht. Aber vieles in der gegenwärtigen fachwissenschaftlichen Diskussion ist ohne Kenntnis der Tradition kaum zu verstehen. Philosophie heute ist oft Rekonstruktion gegenwartsrelevanter älterer Theorien; heutige Theoretiker greifen methodisch und argumentativ auf frühere Autoren zurück. (So lassen sich z. B. in der politischen Philosophie manche Argumente Lübbes und Habermas' bei Hobbes und Rousseau wiederfinden.) Für den Unterricht, auch und gerade wenn man sich um „Aktualität" bemüht, folgt daraus, dass der Anteil „klassischer" Texte hoch ist und sein muss und sich daher weniger verändert hat als in anderen Fächern. Statt also dem Wandel dieses Faches nachzugehen, möchte ich versuchen zu zeigen, was Philosophie in der Schule heute bedeutet.

Im Philosophieunterricht kann man sich laut Curriculum mit folgenden Themen beschäftigen: Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Ethik, politische Philosophie, Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Philosophie und Technik, Religions-Philosophie, Philosophie der Sprache, Philosophie der Kunst. Diese Themen entsprechen historisch gewachsenen philosophischen Disziplinen; man pflegt sich ein Kurshalbjahr lang einem Thema zu widmen. Dabei sind die einzelnen Themen nicht isoliert voneinander zu betrachten, vielmehr korrelieren sie untereinander. So wird in einen Kurs über Wissenschaftstheorie auch Erkenntnistheorie eingehen, Ethik und politische Philosophie fordern die Analyse der in der jeweiligen Theorie implizierten anthropologischen Prämissen. Während eines Kurses wird auf das in früheren Kursen Erarbeitete zurückgegriffen, auf das in späteren Kursen zu Thematisierende vorausdeutend hingewiesen. Ich möchte nun nicht die einzelnen Kurse porträtieren (was weitgehend ein Abschreiben des Curriculums bedeuten würde) oder über Nutzen und Nachteil, Sinn und Wesen der Philosophie allgemein nachdenken (was bekanntlich eine schwer zu beantwortende philosophische Frage ist); stattdessen soll die Rolle der Philosophie für Schüler untersucht werden. Dabei beschränke ich mich auf zwei Aspekte: das Verhältnis des Philosophieunterrichts zu den anderen Fächern und zu den Erfahrungen, die Schüler außerhalb der Schule machen.

Um den ersten Aspekt zu erläutern, wähle ich als Beispiel die Wissenschaftstheorie. Für die wissenschaftspropädeutische Arbeit in der Oberstufe ist es selbstverständlich, dass die Schüler fachwissenschaftliche Ergebnisse erarbeiten, Methoden üben, im Idealfall auch die Methoden der jeweiligen Fachwissenschaft kritisch reflektieren. Diese Reflexion bleibt in der Regel auf das jeweilige Fach beschränkt. So bleiben den Schülern die Gemeinsamkeiten im Vorgehen verwandter Wissenschaften oft unklar, ebenso grundsätzliche Unterschiede in Begründung, Methodik, Erkenntnisziel und Selbstverständnis von Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften. Unbeachtet bleiben Fragen wie die nach Umfang und Gewissheit der in ihnen erlangten Erkenntnis, nach dem Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse in den einzelnen Wissenschaften. Der Ort, diese Fragen zu thematisieren, ist die Philosophie. Erst hier wird es den Schülern möglich, die Rolle eines einzelnen Faches im Ensemble der Wissenschaften richtig einzuschätzen, Einsicht in die Probleme seiner Methodik zu gewinnen, seinen Anspruch auf Verbindlichkeit der von ihm vermittelten Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Wer dieses gelernt hat, wird die Einzelwissenschaften und ihre Möglichkeiten zwar kritisch betrachten, sie aber wohl kaum unreflektiert ablehnen; er hat möglicherweise eine Hilfe erhalten, seine Entscheidung für oder gegen das Studium einer bestimmten Wissenschaft auf der Grundlage besserer, d.h., rationaler Kriterien zu fällen als andere. Das hier über die mögliche Bedeutung einer philosophischen Disziplin Gesagte ließe sich in ähnlicher Weise auch für die übrigen zeigen - für die politische Philosophie, die Geschichtsphilosophie ... Kommen wir auf den anfangs wiedergegebenen Vorwurf zurück, die reformierte Oberstufe verleite den Schüler zu verfrühter Spezialisierung, so wird jetzt deutlich, dass die Philosophie diesem Mangel zwar nicht durch Vermittlung fehlenden Fachwissens in anderen Fächern abhelfen kann, dass sie aber durchaus einer Spezialisierung im Sinne von Fachidiotentum vorzubeugen vermag, indem sie dem Schüler hilft, die eigene wissenschaftspropädeutische Tätigkeit besser einzuschätzen.

Spielt die Philosophie in der Schule gegenüber den übrigen Fächern v. a. eine kritische Rolle, gilt dies ebenso für die außerschulische Lebenswelt der Schüler. Hier begegnen oft Argumente, die aus der Philosophie stammen oder doch mit diesem Anspruch auftreten, was Autorität zu verbürgen scheint. Wenn Wissenschaftler darüber nachdenken, ob sie nicht Verantwortung tragen für die Folgen praktischer Anwendung ihrer Ergebnisse, handelt es sich um eine wissenschaftstheoretisch-ethische Frage. Der Streit von Politikern über Nutzen und Schaden bestimmter friedlich oder militärisch ausbeutbarer Technologien enthält oft ethische Argumente, ebenso Debatten über Entwicklungshilfe,

Befreiungsbewegungen in der dritten Welt, über Grundrechte hier und anderswo. Während Oppositionspolitiker vom Bundeskanzler „geistige Führung" verlangen und damit ein Problem der politischen Philosophie ansprechen, macht sich dieser anlässlich des 200. Jahrestages des Erscheinens der „Kritik der reinen Vernunft" öffentlich Gedanken über die Möglichkeit, aus der Kantschen Philosophie Maximen für politisches Handeln zu gewinnen. Selbst wenn es um Duldung oder Nichtduldung umstrittener Produkte der zeitgenössischen Kunst geht, wird die eigene Position philosophisch zu untermauern versucht, indem man z. B. zwischen zeitlos gültiger Kunst und vergänglicher Mode unterscheidet - womit die Frage ästhetischen Wertes und ästhetischer Norm (eine philosophische Frage!) gestellt und gleichzeitig eine gültige Antwort darauf behauptet wird. Wer in solchen und anderen Streitfällen ein philosophisches Zitat zur Hand hat, scheint im Vorteil zu sein. Aber nicht solche Argumentationshilfen zu geben, ist Aufgabe des Philosophieunterrichts. Die Schüler sollen vielmehr lernen, den philosophiegeschichtlichen Ort der Herkunft von Argumenten zu erkennen, damit sie die Möglichkeit erhalten, diese kritisch zu bewerten. Philosophieunterricht hilft, wissenschaftliche und sich wissenschaftlich gebende Diskurse vernünftiger oder doch wenigstens das Unvernünftige in ihnen durchschaubar zu machen, ein kritisches und autonomes Bewusstsein zu entwickeln; er erscheint somit als Beitrag zur Erreichung des wohl allgemeinsten in der Schule angestrebten Lernziels: sich als mündiger Bürger in der Welt zurechtfinden.

Ein Fachbuchverlag wirbt mit einem Satz, den Friedrich Hölderlin an seinen Bruder schrieb. Seiner unverminderten Aktualität wegen (die gezeigt zu haben ich nur hoffen kann) sei er auch hier zitiert: „Philosophie musst Du studieren, und wenn Du nicht mehr Geld hättest, als nötig ist, um eine Lampe und öl zu kaufen, und nicht mehr Zeit als von Mitternacht bis zum Hahnenschrei."

zur nächsten Seite

zur Übersicht 25jähriges Jubiläum 1982


[ Home | Menschen | Spuren |Kontakt | Impressum ]